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Gummitwist und Lebertran - Projektdokumentation

Gummitwist und Lebertran – ein Gesamtkunstwerk aus Texten, Fotos und Schrottophonien über Kindheit im Ruhrgebiet der 50er und 60er Jahre

Beteiligt sind die Klasse 6a des Reinoldus- und Schiller-Gymnasiums Dortmund-Dorstfeld, die Musiklehrerin Margarete Bastian und die Dortmunder Musiker Guido Schlösser und Richard Ortmann.
Das Projekt hat begonnen im September 2001, die Uraufführung wird im Januar 2002 stattfinden, weitere Aufführungen bis zum Schuljahresende werden folgen.
Diese Projektbeschreibung kann deshalb nur die Ziele und den bisherigen Verlauf dokumentieren, die CD repräsentiert einen Zwischenstand der Ergebnisse.  

Ziel des Projekts
Ziel des Projekts ist es, eine Methodik zu entwickeln, im Klassenverband, also im Rahmen des regulären Musikunterrichts, den Schülern einen kreativen, eigenständigen Umgang mit Klängen und Strukturen experimenteller Musik zu ermöglichen. Die Verbindung dieser Musik mit Texten und Bildern über Kindheit im Ruhrgebiet bietet den Kindern einen direkten emotionalen Zugang. Sie beginnen, sich mit der Welt ihrer Großeltern zu beschäftigen, und setzen diese Erfahrung in Musik um. Im Zusammenhang des Gesamtkunstwerks schließlich erleben sie Musik als eine selbständige, in ihrer Weise aussagekräftige Kommunikationsform.
 
Besondere Voraussetzungen der Schüler, beispielsweise die Beherrschung eines traditionellen Musikinstruments, werden nicht vorausgesetzt, können aber einbezogen werden.
Das Instrumentarium besteht hauptsächlich aus Bestandteilen des Schrottophons.1 Der Vorteil dieser Instrumente liegt darin, daß keiner der beteiligten Schüler vorher mit ihnen Erfahrungen gesammelt hat und alle gemeinsam Neuland betreten.

Geschichte des Projekts
Im Rahmen des Festivals europhonics  im Juni 2001, bei dem ProJazz e.V. in Kooperation mit dem Kulturbüro der Stadt Dortmund europäischen Jazz präsentiert hat, fanden Gesprächskonzerte im Rahmen von Klassenunterricht an Dortmunder Schulen statt.

Margarete Bastian, Musiklehrerin der damaligen Klasse 5b am Reinoldus- und Schiller-Gymnasium (RSG) in Dortmund-Dorstfeld, lud Richard Ortmann und Guido Schlösser zu einer Vorführung ein. Beide waren den Schülern von einer CD der Gruppe ”chachelihöll”, bei der Ortmann das Schrottophon spielt, bekannt.
Nach einer kurzen Vorführung mit live präpariertem Flügel und Schrottophon  probierten die Schüler das Instrumentarium aus und entwickelten in Quartett- und Quintettbesetzungen anhand einfacher Improvisationsanleitungen (z.B. leise beginnen, dann steigern und wieder leise werden) Kompositionsstrukturen. Die Stunde endete in einer Kollektivimprovisation im Klassenverband, die von Ortmann dirigiert wurde.
Der Erfolg dieser Präsentation und die Begeisterung, mit der die Schüler sich die Instrumente aneigneten, führten zu der Idee, im nächsten Schuljahr mit dieser Klasse ein Projekt zu erarbeiten.

Kurzbeschreibung
In dem Projekt „Gummitwist und Lebertran“ werden anhand von literarischen Texten und Fotografien Spielsituationen von Kindern im Ruhrgebiet der 50er und 60er Jahre reflektiert. Anschließend entsteht ein Gesamtkunstwerk: Aus einer Auswahl von Texten und Bildern werden die für eine Kombination mit Musik geeigneten herausgefunden. Das Gesamtkunstwerk schließlich besteht aus diversen Kombinationen von live gespielter Musik, vorgetragenen Texten, projizierten Dias, Tonbandcollagen und szenischen Darstellungen.

Die Musik wird erzeugt ausschließlich mit ausrangierten Gegenständen aus der behandelten Epoche. Die Kinder lernen, mit ungewöhnlichen Instrumenten Musik zu erzeugen. Die Strukturen der Musik, teils improvisiert, teils komponiert, werden während des Projektverlaufs gleichzeitig mit dem Spielen der Instrumente erlernt. Auch Kinder, die vorher noch kein Musikinstrument gespielt haben, können problemlos an diesem Prozeß teilnehmen. Ziel ist die Umsetzung der Atmosphären und Stimmungen der  historischen Texte und Bilder in Musik.

Pädagogische Leitidee des Vorhabens ist es, bisher ausschließlich rezipierenden Musikhörern einen selbständigen, kreativen Umgang mit Musik zu ermöglichen. Besonders ist hierbei, das dies nicht abhängig gemacht wird von dem Erlernen eines klassischen Musikinstruments. Vermittelt werden sowohl die Erfahrung der Wirkung von Klang als auch die Konstruktion von Mikro- und Makrostrukturen der Musik. Darüberhinaus erfahren die Kinder, daß die Herstellung eines solchen Gesamtkunstwerks nicht nur künstlerische Sensibilität, sondern auch viel Geduld und Rücksichtnahme auf die anderen Mitwirkenden erfordert.  

Ausgangssituation der Schüler
Der Unterricht im vorausgegangenen Schuljahr, also in der fünften Klasse, war sehr basisorientiert: Singen von Volks- und Kinderliedern, elementare Notenlehre, Klatschübungen mit einfachen Rhythmen, aber auch Improvisationsübungen mit Alltagsgegenständen und das Hören von Aufnahmen europäischer Klassik und experimenteller Musik.

Improvisation mit dem Schrottophon
Die Vorbereitungsphase legt die Grundlage für die Einsatz des Schrottophons. Ausrangierte Alltagsgegenstände werden auf ihre musikalischen Verwendungsmöglichkeiten hin geprüft. Getestet werden allerhand Möglichkeiten, einem oder mehreren Gegenständen auf verschiedenste Weise Klänge zu entlocken. Die Qualität eines Klanges bzw. eines Geräusches wird hierbei nicht definiert über die physikalischen Grundlagen der Entstehung, sondern über die unmittelbare Hörerfahrung, an die sich die musikalische Verwendung anschließt.

Die verwendeten Klänge dienen der Erzeugung kleiner Spontankompositionen. Vorgegeben werden traditionelle formbildende Kompositionselemente: Dynamik (laut>leise<laut, laut<sehr laut), Veränderung rhythmischer Dichte, Imitation und Variation, Ostinato mit Soloimprovisation. Die Sensibilität der Schüler für die musikalischen Äußerungen ihrer Mitspieler wird besonders gestärkt in Improvisationsübungen, in denen ein Solopart von einem anderen Mitspieler fortgeführt wird. Außerdem werden Dirigate eingeübt, die bei der Aufführung kollektive Improvisationen spontan steuern sollen.

Die Welt der 50er Jahre
Die Vorbereitungsphase dient weiterhin der Einführung in die Erlebniswelt der 50er und beginnenden 60er Jahre. Einer kurzen historischen Einleitung folgen Beispiele aus der damaligen Unterhaltungsmusik (Schlager, Rock’n’Roll, Jazz) und aus dem Film. Hierfür eignen sich beliebige Beispiele aus dem Bereich des deutschen Unterhaltungsfilms, die zahlreich in den dritten Programmen der ARD-Sender angeboten werden.

Bilder und Texte aus den 50er Jahren finden die Projektleiter in privaten und öffentlichen Archiven.
50 Fotos aus Bildbänden über das Ruhrgebiet werden einige Wochen vor Projektbeginn an eine Wand des Klassenraums gehängt. Aus diesen wählen Schüler und Projektleiter später gemeinsam die zwanzig stärksten aus, die bei der Aufführung als Dia projiziert werden.

Beispiel für einen sogenannten Heimattext ist das Gedicht „Meine Stadt“ von Josef Reding, das die besondere Beziehung eines Ruhrgebietsbewohners zu seiner Stadt  aus der Sicht eines Kindes darstellt. Verwendung finden auch  
Werbetexte für Spielzeug aus der Zeitschrift „Radio-Fernseh-Revue“ sowie Abzählreime, Witze, Kochrezepte etc.
 
Kinderspiele wie Gummitwist, Hümpeln und Knickerwerfen, die in ihrer Natur bereits musikalische Elemente beinhalten, werden ebenfalls einbezogen. Der Gummitwist wird sowohl live als auch als Dia präsentiert und mit Text und Musik begleitet.   

Musique concrète

Musique concrète, ein in den 50er Jahren entwickeltes kompositorisches Verfahren,  bietet die Möglichkeit, mit relativ einfachen handwerklichen Mitteln (Tonbandgerät und Klebeset) komplexe Klangtexturen zu schaffen. Pierre Schaeffers „Pochette surprise“ und Walter Ruttmanns „Weekend“ dienen im Unterricht als historische Beispiele.
Die Klanglandschaft des Ruhrgebiets wurde geprägt von der Montanindustrie. Aus Beispielen aus Richard Ortmanns umfangreichem Geräuschearchiv von Übertage und Untertage montieren die Schüler eine „Maschinenmusik“ aus Bohrhammer, Förderband, Kohlenhobel, Förderkorb, Kaltwalzstraßen und Hochofenabstich zu einer Tonbandcollage und setzen sich so mit den Klängen des Ruhrgebiets auseinander.
Dieser praktische Teil findet statt in einer kleinen Projektgruppe. Die Mitglieder der Gruppe treffen hierbei die kompositorischen Entscheidungen, die später in der Klasse diskutiert werden.

Genre-Musik
Die Musik der 50er Jahre war im Bewußtsein der breiten Bevölkerung vor allem Schlager, Tanzmusik, Rock‘n‘Roll und Jazz. Diese Genres werden an geeigneten Stellen zitiert, besonders in Kombination mit den Dias. Angestrebt wird hier aber nicht die Imitation des damaligen Klangs, sondern eine vor allem durch die Instrumentation bewirkte Verfremdung. Der in Deutschland als Rumba bekannte Rhythmus wird besispielsweise dargestellt von Porzellantöpfen, präpariertem Klavier und einem alten Akkordeon. Die Schüler lernen, die großenteils immer noch verwendbaren Bausteine der Unterhaltungsmusik zu erkennen und zu verwenden.
Zur Unterlegung einer Badeszene wird der Schlager „Pack die Badehose ein“ von einem Mädchenchor gesungen. Die Einstudierung übernimmt eine Oberstufenschülerin.
Fragmente des Bergmannsliedes „Glück auf, der Steiger kommt“, die in verschiedensten Varianten auftauchen, dienen dem musikalischen Zusammenhalt des Gesamtkunstwerks, aber auch dem Andenken an die Welt des Bergbaus, die ihren Höhepunkt im Ruhrgebiet in den 50er Jahren erlebte.  

Verbindung von Bild und Musik
Bei der ersten Projektion der Dias werden die Schüler befragt auf eine mögliche musikalische Umsetzung. Sie zeigen bereits eine solide Kenntnis der klanglichen Möglichkeiten des Schrottophons. Die Bilder werden zumeist auf ihre geräuschhaften Inhalte untersucht. Aufgabe der Projektleiter ist es nun, auch andere Möglichkeiten der musikalischen Umsetzung aufzuzeigen, beispielsweise die Darstellung von im Bild enthaltenen Stimmungen.

Verbindung von Text und Musik
Die „Sieben Haiku für Sopran, Sprecher und 4 Instrumentalisten“  (komponiert 1961) von Manfred Niehaus stoßen bei den Schülern auf Befremden und Belustigung, werden aber auch nicht als Vorbild vorgestellt, sondern als Beispiel für eine ungewöhnliche Herangehensweise.
Das ausgewählte Gedicht „Meine Stadt“ wird auf seine geräuschhaften Inhalte untersucht, die von einem kleinen Ensemble umgesetzt werden. Zwischenergebnis ist ein von improvisierter Musik unterbrochener traditioneller Gedichtsvortrag zweier abwechselnder Sprecher. Angestrebt wird aber ein Prozeß, in dem die Worte des Gedichts Material einer musikalischen Komposition werden. Ansätze serieller Verfahren können hierbei Verwendung finden.

Reflexion
Der Musikunterricht zwischen den Proben wird vor allem genutzt zum Hören und Besprechen von Aufnahmen der Proben. Die künstlerische Fortentwicklung der Schüler wird so zu einem für sie selbst transparenten Prozeß.

Abschluß des Projekts
Nach dem Erarbeiten der zahlreichen Einzelmodule werden diese in einen Gesamtablauf gestellt. Jeder Schüler erhält verschiedene Aufgaben, für die er eigene Verantwortung übernehmen muß. Eine solch komplexe Aufführung erfordert hohe Konzentration und Disziplin, stellt aber für alle Beteiligten eine große Herausforderung dar.
Nach der Uraufführung in der heimischen Schulaula folgen Aufführungen im Ruhrlandmuseum Essen, der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, der Deutschen Arbeitsschutzausstellung (DASA) in Dortmund und in der Kirche St. Petri. Auftritte unter sehr verschiedenen Bedingungen ermöglichen den Schülern unterschiedlichste Erfahrungen: ungewohnte akustische und technischen Bedingungen, die komplexe Organisation einer Aufführung und schließlich der Umgang mit einem immer neuen Publikum.
Das Projekt „Gummitwist und Lebertran“ ermöglicht den Schülern nicht nur einen kreativen Umgang mit musikalischen Strukturen und ungewöhnlichen Klängen, mit Texten und Bildern sowie mit der Geschichte ihrer Großeltern und ihrer Region. Die Teilnahme am Produktionsprozeß macht aus bisherigen Rezipienten selbstbewußte  Musikerinnen und Musiker.

Text: Guido Schlösser

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